Theodor
Fontane
Heinrich Theodor Fontane (geboren am 30. Dezember 1819 in Neuruppin,
gestorben am 20. September 1898 in Berlin) war ein deutscher
Schriftsteller und
approbierter Apotheker. Er gilt als bedeutendster deutscher Vertreter
des poetischen Realismus. Eines seiner bekanntesten Gedichte ist "Herr von Ribbeck auf Ribbeck
im Havelland" von 1889.
Ab etwa 1860 widmete sich Fontane der Reiseliteratur, die in der Mitte
des 19. Jahrhunderts einen regelrechten Boom erlebte, da sich nur
wenige Menschen das Reisen leisten konnten. Es erschienen die ersten
Artikel über seine Heimatstadt Neuruppin. Aus den
Reiseberichten, angereichert mit Geschichte und Geschichten, entstand
1861 das Büchlein "Grafschaft Ruppin", das
bereits ein Jahr später die zweite Auflage mit dem Obertitel "Wanderungen durch die Mark
Brandenburg" erhielt. Das Wanderungswerk bildet die
Grundlage für das spätere epische Schaffen Fontanes.
Fontane besuchte Plaue viele Male, zum ersten
Mal 1874. Schloß Plaue befand sich seit 1839 im Besitz der
Grafen Königsmarck. Dem Schloss gegenüber aber, auf der
anderen Seite der Havel, hatte Carl Ferdinand Wiesike (1798-1880) seinen Wohnsitz, der
ein begeisterte Anhänger Schopenhauers war. Mit Fontane verband
ihn eine sehr enge, bis zu seinem Lebensende anhaltende Freundschaft. Schon der erste
mehrtägige Aufenthalt Fontanes im Mai 1874 gab ihm Gelegenheit, den alten Herrn Wiesike sowie dessen
Besitz und Lebensgewohnheiten kennen zu lernen. Weitere Fahrten nach Plaue folgten
im Juni oder Juli 1875, im Sommer 1876 und Anfang August 1877 (in seinem Tagebuch vermerkt
er für diesen Besuch ausdrücklich:
„Schopenhauer-Studien");
auch in den nächsten Jahren wurde Wiesike immer wieder von Fontane
aufgesucht: im April 1878, im Mai 1879 und, wenige Monate vor dem Tode Wiesikes,
nochmals im April 1880.
Wiesike machte Nachbarn und Freunde mit der Lehre Schopenhauers
bekannt, so auch die Gräfin Königsmarck "vom Schlosse
gegenüber",
die im Sommer 1857 mit einer Standesgenossin in Frankfurt reiste und
Schopenhauer persönlich aufsuchte.
Wiesike pflegte den Geburtstag Schopenhauers stets in
gebührender
Form zu feiern. 1874 nahm Fontane erstmals an einer solchen Feier teil
und beschrieb sie ausführlich im
6. Kapitel "Schloss Plaue gegenüber".
Nachfolgend Auszüge aus seinem Werk "Wanderungen
durch die Mark Brandenburg" und dem 1889 erschienen Fortsetzungsband V.
unter dem Titel Fünf
Schlösser. Im Kapitel "Plaue a. H". schreibt
Theodor Fontane
u.a. im 1., 5. und 6. Kapitel
über das Schloss Plaue:
1.
Kapitel Plaue von 1414 bis 1620.
Kurfürstliche Zeit und Zeit der Saldern und Arnims
1414, den 26. Februar, fiel die Quitzowburg Plaue ihren Belagerern, dem
Burggrafen Friedrich und dem Erzbischof von Magdeburg, in die
Hände, nachdem schon am Tage vorher Johann von Quitzow bei
seinem Fluchtversuche gefangengenommen und in der Kirche zu Plaue in
den Stock gesetzt worden war. Tags darauf einigten sich die Sieger
über einen Befehlshaber, einen Schloßhauptmann,
für das von ihnen gemeinschaftlich eroberte Schloß.
Ihre Wahl bestallte dazu den Ritter Günzel von Bartensleben
für die Dauer eines Jahres. Er mußte vor den
Fürsten eidlich geloben, »das Schloß
getreulich bewahren und beschirmen zu wollen, zu Beider Lande Nutz und
Frommen«. Hierdurch wurde von dem früheren Plane,
die Burg von Grund aus zu brechen, Abstand genommen. Aber
schließlich erfolgte dies »Niederlegen«
doch, nachdem ein von beiden siegreichen Parteien (Mark und Magdeburg)
bei Gelegenheit neuer Eifersüchteleien angerufenes
Schiedsgericht dahin entschieden hatte, daß die
»Zubehörungen« von Plaue, will sagen alle
Dörfer, Äcker, Forsten usw. zwischen der Mark und
Magdeburg geteilt, die Befestigungswerke der Burg aber
unverzüglich zerstört werden sollten. Was denn auch,
so gut es sich tun ließ, ausgeführt wurde.
Der Ort Plaue blieb bei der Mark.
Von diesem Zeitpunkt an gab es keine Plauer
Schloßhauptmannschaft mehr, weil das
»Schloß«, das einer solchen als
Voraussetzung diente, nicht mehr vorhanden war. Anstelle der
Schloßhauptmannschaft trat nunmehr eine Amtshauptmannschaft
mit dem Rechte der Zollerhebung. 1459 war es Georg von Waldenfels, dem,
durch Kurfürst Friedrich Eisenzahn, ein Privilegium21
verliehen wurde, kraft dessen er den Brücken- sowie Land- und
Wasserzoll erheben durfte, mit dem Zusatze, »daß
zwischen Brandenburg und Rathenow keine andere Brücke
außer der Plauer über die Havel führen,
auch keine Fähre gehalten werden solle.«
Der Ertrag dieses Zolles war ein bedeutender, und die Plauer
Brücke blieb, bis in unsere Tage hinein, eine von
Pächtern viel begehrte Zollstätte. Der letzte dieser
Pächter, wie hier vorgreifend erzählt werden mag,
hieß Gerimsky, ein Original. Neben seinem Zollhause stand ein
Schuppen und in diesem Schuppen ein immer gesatteltes Pferd. Weh dem
Handwerksburschen, der, im vermeintlichen Schutz eines Platzregens oder
mit Hilfe der Dämmerung, ohne Zoll über die
Brücke zu kommen hoffte. Gerimsky warf sich auf seinen
Klepper, jagte ihm nach und ruhte nicht eher, bis er den Feind gestellt
und im Unvermögensfalle gepfändet hatte. Dabei gab es
nichts, was von ihm verschont worden wäre. Bei seinem Tode
hinterließ er eine Truhe voll aufgestapelter
Handwerksburschen – Mützen.
Plaue war kurfürstliches Amt und blieb es bis 1560, um welche
Zeit es, wohl infolge beständiger Geldverlegenheiten des
zweiten Joachim, pfandweise von Matthias von Saldern erstanden wurde.
Die Witwe desselben stiftete später die Saldernsche Schule zu
Brandenburg. 1577 ging Plaue (nunmehr durch Kauf) aus
kurfürstlicher Hand in die Hände der Brüder
Kurt und Behrend von Arnim auf Boitzenburg und Gerswalde über.
Die Arnims besaßen es dreiundvierzig Jahre, welche Zeit,
neben anderm, auch der Ausschmückung der Plauer Kirche zugute
kam. Ein alabasternes Epitaphium von hervorragendem Kunstwerte, mit
Darstellungen aus der heiligen Geschichte:
»Kreuzigung« (unten die Donatoren)
schmückt jetzt den Altar. Die ursprüngliche
Inschrift, die Auskunft geben würde, von wem er errichtet
wurde, ist leider verlorengegangen. Unter den andern noch vorhandenen
Grabsteinen ist nur der letzte, der dem Sohn und Erben Kurt von Arnims
errichtet wurde, von Bedeutung. Er trägt folgende Inschrift:
»1620 den 15. Juli ist der edle, gestrenge und ehrenfeste
Leonhard von Arnim in Gott selig entschlafen, seines Alters 36 Jahre 13
Tage. Deß Seele Gott gnädig sei«.
5. Kapitel Plaue von 1839 bis jetzt.
Graf Königsmarcksche Zeit
1839 starb die Baronin von Lauer-Münchhofen und im selben
Jahre noch erstand Hans Valentin Ferdinand Graf von
Königsmarck Schloß Plaue. Zehn Jahre
später, 1849, folgte der älteste Sohn, Hans Karl
Albert von Königsmarck, im Besitz. Er war Wirklicher
Geheimrat, Gesandter in Konstantinopel, und starb 1876.
Gegenwärtiger Besitzer ist Graf Karl Hans Konstantin, geb.
1839 zu Konstantinopel, vermählt mit Leontine Gräfin
von Sayn-Wittgenstein-Sayn.
Schloß Plaue, wie sich's gegenwärtig
präsentiert, ist, in seiner äußeren
Erscheinung, noch immer der Bau, den Friedrich von Görne
zwischen 1711 und 1715 hier entstehen ließ und von dem wir,
mit Hilfe der Pastor Löseckeschen Aufzeichnungen aus der Mitte
des vorigen Jahrhunderts, bereits eine Beschreibung gaben. Aber so
wenig in dieser äußeren Erscheinung
geändert wurde, das Innere des Schlosses hat doch erhebliche
Veränderungen erfahren, am meisten in bezug auf Ausstattung
einiger schon durch ihren Umfang in Betracht kommenden
Räumlichkeiten.
Einen Hauptteil des auf die Havel blickenden Korps de Logis nehmen, in
Erdgeschoß und erstem Stock, zwei große
Säle ein, deren Unmittelbar anschließende
Räume, rechtwinklig einbiegend, sich in einer langen
Zimmerreihe beider Schloßflügel fortsetzen.
Der Saal im Erdgeschoß dient als Familien- und Empfangszimmer
und der schönen Lage desselben entspricht denn auch seine
Herrichtung und Ausschmückung. Es finden sich hier
Familienporträts von Meisterhand: Graf Hans Karl Albert von
Königsmarck, Gesandter in Konstantinopel, und Gräfin
Jenny von Königsmarck, geb. v. Bülow, beide vom
Professor Karl Sohn; ferner ein junger Graf von Königsmarck,
Sohn des Gesandten in Konstantinopel, in der Uniform der Gardehusaren
(dieser junge Graf Königsmarck starb früh; in der
Kirche zu Plaue steht er, in ganzer Figur, in einem in Erz
ausgeführten gotischen Monument); ferner Familiengruppenbild:
Söhne und Töchter; endlich ein kleines
Damenporträt über dem Kamin, wahrscheinlich von Wach
oder Krüger herrührend, durch besondere
Schönheit ausgezeichnet.
Über diesem Saal im Erdgeschoß befindet sich ein
gleich großer Raum im ersten Stock, der vor etwa zwanzig
Jahren in einen Ahnen- oder Rittersaal umgewandelt wurde. Zu vier in
den vier Ecken aufgestellten Ritterfiguren gesellen sich vier
Porträts, den Hauptinhalt aber bilden acht große
Tableaus, die hervorragende Taten aus der Geschichte der
Königsmarcks darstellen. Drei derselben veranschaulichen wenig
bekannte Szenen aus dem vierzehnten und fünfzehnten
Jahrhundert, weshalb es schwer ist, sich ohne Kommentar oder
Führer in ihnen zurecht zu finden. Desto leichter gelingt dies
bei den verbleibenden fünf Tableaus, die sämtlich
Szenen aus einer scharf abgegrenzten Epoche, will sagen aus dem
siebzehnten Jahrhundert, zur Darstellung bringen, in welchem
Jahrhundert der Ruhm der Familie gipfelt. Ja, fast ließe sich
sagen, er beginnt und schließt mit ihm. Die
Königsmarcks nehmen dadurch eine Sonderstellung innerhalb
unseres märkischen Adels ein, von dem vielleicht gesagt werden
darf, daß er, in bezug auf Ruhm, in vier bestimmte Kategorien
zu bringen sei. Da haben wir: 1. Die Nieberühmten. Hier
verbietet es sich selbstverständlich, Namen und Beispiele zu
geben, trotzdem es mir feststeht, daß jene Schlichten und
Einfachen, die sich auf Erfüllung nächstliegender
Pflichten beschränkten, vielfach die Besten und
Segensreichsten gewesen sind. 2. Die nur einmal in einer Einzelgestalt
oder aber in einem Bruderpaar berühmt Gewordenen. Hierher
gehören: Illo, Sparr, Görtzke, Brand, Katte, Buch,
Hagen, Zieten, Schlabrendorf, Marwitz, Finckenstein, Knesebeck,
Bismarck, und als Bruderpaare: die Quitzows, die Humboldts, die
Bülows, welche letzteren sich freilich mit gleichem oder noch
größerem Rechte der nun folgenden dritten Gruppe
gesellen. 3. Die vielfach und fast durch alle Jahrhunderte hin
Berühmtgewesenen, wie die Schulenburgs, Alvenslebens, Arnims
und Schwerins und in zweiter Reihe: die Putlitze, Bredows und Rochows.
4. Die nur durch ein Jahrhundert, aber in diesem einen Jahrhundert auch
durch alle drei Generationen hin Berühmtgewesenen. Hierher
gehören einzig und allein die Königsmarcks.
Daß wir diese königsmarcksche Berühmtheit
im ganzen genommen wenig gegenwärtig haben, so wenig,
daß wir uns auf dieselbe sozusagen immer erst besinnen
müssen, hat darin seinen Grund, daß sie –
wiewohl der Mark entstammend – ihren eminenten Ruhm durchaus
in fremden Ländern und unter fremden Fahnen errungen haben.
Was davon auf Mark Brandenburg oder Preußen kommt, ist nicht
allzuviel.
Und nach diesen Vorbemerkungen wenden wir uns nunmehr dem, wie schon
hervorgehoben, ausschließlich im siebzehnten Jahrhundert
wurzelnden und hier, in fünf großen Tableaus
veranschaulichten Ruhme der Familie zu.
Der Inhalt dieser fünf großen Tableaus ist der
folgende:
1. Tableau. Hans Christoph Graf von Königsmarck, geb. am 4.
März 1600 auf Schloß Kötzlin in der
Priegnitz, erobert am 26. Juli 1648 die Kleinseite von Prag.
Schlußakt des Dreißigjährigen Krieges.
Hans Christoph, schwedischer Generalfeldmarschall und Graf zu Westerwyk
und Stegholm, wurde, nach erfolgtem Friedensschlusse, zum Gouverneur
der schwedisch gewordenen Herzogtümer Bremen und Verden
ernannt und baute sich ein Residenzschloß zu Stade, das er
seiner Gemahlin, der schönen Agathe von Lehsten zu Ehren, die
Agathenburg nannte. Sein Tod aber erfolgte nicht zu Stade, sondern zu
Stockholm, am 8. März 1663. Er starb daselbst an den Folgen
einer Hühneraugenoperation, nachdem er in vierzig Schlachten
und Belagerungen allen Gefahren glücklich entgangen war. Er
soll eine jährliche Rente von 130000 Talern gehabt haben.
Für jene Zeit eine enorme Summe.
2. Tableau. Kurt Christoph, Graf von Königsmarck (Sohn von
Hans Christoph), geb. 1634, fällt als Generalleutnant der
holländischen Armee beim Sturm auf die Bonner Schanze, 11.
November 1673.
Kurt Christoph Graf Königsmarck war vermählt mit
Maria Christine von Wrangel, des Feldmarschalls Herrmann von Wrangel
Tochter. Er residierte mit ihr auf der Agathenburg. 1656 nahm er auf
schwedischer Seite ruhmreichen Anteil an der dreitägigen
Schlacht vor Warschau.
3. Tableau. Otto Wilhelm, Graf von Königsmarck (ebenfalls ein
Sohn Hans Christophs), geb. 1639 zu Minden, venezianischer
Generalissimus, beklagt es, das von den Türken verteidigte
Athen, samt seinem Parthenon, einem Bombardement unterwerfen zu
müssen. 1687.
Otto Wilhelm Graf Königsmarck war seit 1682 mit
Gräfin Katharina Charlotte de la Gardie, Tochter des
Reichsobersten Grafen Magnus Gabriel de la Gardie, vermählt.
Im selben Jahre (1682) hatte er eine Sammlung geistlicher Hauslieder
und Andachtsübungen in Druck erscheinen lassen. 1683 ging er
nach Wien und Ungarn und trat bald danach in den Dienst Venedigs und
zwar als »Generalissimus gegen die
Türken«. Während der Seeheld Morosini sich
der Insel Santa Maura bemächtigte, landete Graf Otto Wilhelm
in der Bucht von Navarino. Patras, Lepanto, Korinth wurden genommen,
endlich, nach erfolgtem Bombardement, auch Athen. Hier verbrachte Graf
Königsmarck den Winter 1687 auf 1688 »unter den
Trümmern griechischer Kunst« und beschloß,
gleichzeitig mit Morosini, den Angriff auf Negroponte. Bis diesen Tag
existiert ein venezianisches Volkslied, in dem es heißt:
»Königsmarck und Morosini verspeisten die
Türkei, Blatt um Blatt, wie eine Artischocke«. Vor
Negroponte starb er, der Pest erliegend, 15. September 1688.
4. Tableau. Hans Karl, Graf von Königsmarck (ältester
Sohn Kurt Christophs und der Maria Christine von Wrangel) steht vor
Ludwig XIV. und lehnt es, trotz glänzender Anerbietungen, ab,
seinen protestantischen Glauben zu wechseln.
Hans Karl Graf von Königsmarck wurde den 5. Mai 1659 zu Nyborg
auf Fühnen geboren. Wie sein Oheim Otto Wilhelm,
entschloß er sich gegen die Ungläubigen zu fechten
und erhielt vom Ordensgroßmeister auf Malta die Erlaubnis,
eine Türkenexpedition mitzumachen. Er zeichnete sich bei den
nun statthabenden Kämpfen derartig aus, daß ihn der
Großmeister feierlich in den Orden aufnahm, ihn, einen Ketzer
und Enkel des berühmten Protestantenhelden aus der Zeit des
Dreißigjährigen Krieges. Ein französischer
Schriftsteller sagt: »Man kann an der
Größe dieser Belohnung ermessen, welche Dienste der
Jugendliche Königsmarck dem Orden geleistet haben
mußte.« Von Malta begab sich Hans Karl von
Königsmarck nach Venedig. Hier soll sich eine Gräfin
von Southampton sterblich in ihn verliebt und ihn, als Page verkleidet,
auf seiner Reise nach Madrid und Paris begleitet haben. 1681 sehen wir
ihn in London, wo er, um eben jener Lady Southampton willen, eine Menge
Zweikämpfe zu bestehen hatte. In Frankreich, in dessen Dienst
er nunmehr tritt, wird er vor Courtrai verwundet und bald danach ein
Gegenstand der Auszeichnungen seitens König Ludwigs XIV.; als
dieser ihn aber auffordert, ein Kommando gegen die Hugenotten zu
übernehmen und katholisch zu werden, erwidert er:
»Welch Vertrauen vermöchten Ew. Majestät in
mich zu setzen, wenn ich gegen Gott untreu würde.«
Von Frankreich ging er nach Morea, um hier, an der Seite seines Oheims
Otto Wilhelms eine gegen Argos geplante Expedition mitzumachen. Dabei
fand er den Tod. Er starb an einem hitzigen Fieber, erst
sechsundzwanzig Jahre alt. Der Oheim, der zwei Jahre später
der Pest erlag, sandte die Leiche nach Stade, wo sie beigesetzt wurde.
1686.
5. Tableau. Philipp Christoph, Graf von Königsmarck
(jüngster Sohn Kurt Christophs und Bruder Hans Karls von
Königsmarck) nimmt Abschied von der Erbprinzessin von
Braunschweig-Lüneburg und wird kurz darauf in den
Gängen des Schlosses von Hannover ermordet.
Philipp Christoph von Königsmarck, geboren 1662, war seit
seinen Kindertagen mit Sophie Dorothea, Erbprinzessin von
Braunschweig-Lüneburg, befreundet. Sechzehn Jahre alt,
vermählte sich diese mit ihrem Vetter, dem Kurprinzen Georg
Ludwig von Hannover, dem späteren Könige Georg I. von
England. Die Ehe war nicht glücklich. Philipp Christoph von
Königsmarck ging in die Welt und beteiligte sich an
verschiedenen Kriegszügen. Von 1688 an aber erkor er,
wenigstens zeitweise, Hannover als Aufenthaltsort und lebte daselbst
mit fürstlichem Aufwande, was ihm sein Reichtum gestattete.
Denn er war Erbe von Oheim und Bruder, die, wie schon erzählt,
1686 und 1688 vor Argos und Negroponte den Tod fanden. Zu seinem
(Philipp Christophs) Hausstande gehörten neunundzwanzig Diener
und zweiundfünfzig Pferde. Seine früheren Beziehungen
zur Erbprinzessin wurden wieder aufgenommen und weckten nicht nur die
Eifersucht des Kurprinzen, sondern auch den Neid der Gräfin
Platen, einer Mätresse des Kurprinzen. Ein Herr von Podewils,
kurhannoverscher Feldmarschall, unterließ es nicht, dem
Grafen Philipp Christoph die Gefahren seines Verhältnisses zur
Prinzessin Sophie Dorothea vorzustellen. Umsonst. Endlich gab Philipp
Christoph der immer wieder laut werdenden Warnerstimme nach und traf
Vorbereitungen, um in kursächsische Dienste zu treten. Am 1.
Juli 1694 begab er sich in das Schloß zu Hannover, um hier
von seiner Freundin, der Kurprinzessin, Abschied zu nehmen. Er
verließ das Schloß nicht mehr. In einem Korridore
traten ihm vier Hellebardiere entgegen, die sich bis dahin hinter einem
Schornstein verborgen gehalten hatten, und im Kampf gegen diese
gedungenen Leute fiel er. Seine Leiche versenkte man in einen senkrecht
durch die ganze Höhe des Schlosses laufenden Kanal und mauerte
diesen zu. Zwei der Hellebardiere, Buschmann und Lüders, haben
die Tat auf ihrem Sterbebette gebeichtet. Die Gräfin Platen
war Anstifterin des Ganzen – der Kurprinz (zur Zeit des
Mordes auf Besuch in Berlin) hatte nur schweigend zugestimmt. Das
Aufsehen, das die Tat hervorrief, war groß und die
Gräfin Platen wurde Gegenstand allgemeinen Hasses. Ein
Volkslied, dem ich einige Strophen entnehme, gab dieser Stimmung
Ausdruck.
Wer geht so spät zu Hofe,
Da alles längst im Schlaf?
Im Vorsaal wacht die Zofe –
Schon naht der schöne Graf.
Er sprach: »Eh' ich nach Frankreich geh',
Muß ich sie noch umarmen,
Prinzessin Dorothee.«
Gräflein, du bist verraten,
Verraten ist dein Glück,
Die böse Gräfin Platen
Ersann ein Bubenstück.
Du schalt'st sie eine Wetterfahn',
Sie tät dir gern viel Liebes,
Nun ist's um dich getan.
Er ging zur ew'gen Ruhe
Mit vielen Schmerzen ein,
Doch ward in keine Truhe
Gebettet sein Gebein.
Ich weiß nicht, wo er modern mag,
Doch wird er einst erscheinen
Am Auferstehungstag.
So (mit Umgehung der drei minder wichtigen) die fünf
großen Tableaus im Ahnensaale zu Schloß Plaue.
Zwischen ihnen und dem Plafond befinden sich, friesartig, wie in einem
der bekannten Staatssäle zu Venedig, acht Kniestücke
minder interessanter alter Königsmarcks, die jedoch, was ihre
historische Beglaubigung angeht, weniger an die
Dogenmedaillonporträts in Venedig, als an die lediglich aus
der Phantasie geschöpften Königsbilder im Schlosse zu
Holyrood erinnern.
Wir treten hiernach aus dem Ritter- und Ruhmessaale der
Königsmarcks in den Vorflur zurück und fragen: wie
wirkt dieser Ruhmessaal?
Der Unbefangene wird von diesen bildlichen Verherrlichungen der Familie
keinen besonders befriedigenden Eindruck empfangen, nicht weil es an
der Berechtigung zu solcher Verherrlichung fehlte (diese ist vielmehr
außer allem Zweifel), sondern lediglich weil es dem hier
Gebotenen an dem Kunstmaße gebricht, das man, glaub' ich,
heutzutage bei Neuschöpfungen der Art fordern darf. Sind
solche Galerien aus alter, unkritischer Zeit her mit
herübergenommen, so hat man sie nicht nur gelten zu lassen,
sondern, wie gering auch ihr Kunstwert sein möge, sich ihrer
aufrichtig zu freuen, ja sie mit ganz besonderer Pietät zu
hegen und zu pflegen. Läßt man aber in unserer Zeit
ein Ruhmesmuseum neu erstehen, so muß es eine Gestalt
annehmen, die den Kunstanforderungen unserer Zeit und dem Reichtum und
Ruhme der Familie gleichmäßig entspricht. Die
großen Tableaus aber bleiben gleichmäßig
hinter dem allen zurück. Unsere besten Künstler
wären zur Verherrlichung dieser Königsmarckschen
Historie gerade gut genug gewesen, und in derselben Weise, wie das
letztverstorbene gräfliche Paar von der Hand Karl Sohns
– also eines damals nahezu besten Porträtmalers
– gemalt wurde, wie der Bruder des gegenwärtigen
Grafen Königsmarck ein erzenes Monument in der Kirche zu Plaue
fand, mußten auch die berühmten Ahnen, samt dem, was
sie groß machte, durch wirkliche Meister der Historienmalerei
dargestellt werden. »Noblesse oblige.« Danach ist
der Adel unseres Landes auch meistens verfahren, besonders wenn wir
zurückblicken. Wie schön, beispielsweise, die
Standbilder, die sich in unseren Stadt- und Dorfkirchen reichlich
vorfinden: der Sparrs in der Marienkirche zu Berlin, der Arnims in
Rheinsberg, der Schlabrendorfs in Brandenburg, der Quitzows in
Rühstädt und Kletzke, der Schulenburgs in Salzwedel,
der Schönings in Tamsel. Aber auch die Gegenwart empfindet im
wesentlichen ebenso, und die Jagows, die Itzenplitze, die Zietens,
Massows, Hertefelds und Rombergs usw. haben ihre Schlösser,
Parks und Begräbnisstätten mit dem Besten geziert,
womit man sie zieren konnte.
Was Schloß Plaue von Bilderschätzen besitzt,
beschränkt sich übrigens keineswegs auf die beiden
großen Säle, – die Görnesche Zeit
hat Sorge getragen für Bilderausschmückung des
Schlosses überhaupt. Ganze Zimmerreihen sind geradezu
überfüllt, und rechnet man alles, was einen Rahmen
trägt, so werden sich wohl tausend Nummern zusammenfinden.
Aber freilich, nur wenig ist da, was nach irgendeiner Seite hin, ein
besonderes Interesse in Anspruch nehmen könnte. Voran steht
ein getäfeltes Zimmer, in dessen Felder allerlei Arbeiten aus
der kurzen Glanzzeit der Plauer Porzellanmanufaktur eingelassen wurden,
Arbeiten, die der Vandalismus von Anhalts aus nicht
aufgeklärten Gründen zu schonen für gut
fand. Es sind das, bunt durcheinander, chinesische Karikaturen,
mythologische Figuren, Arabesken, Blumensträuße,
groteske Tierformen und Lieblingsgestalten aus dem italienischen
Lustspiel, – alles überaus wirkungsvoll
zusammengestellt. Es heißt, die Gesamtheit dieser Dinge
rühre von David Bennewitz, dem Direktor der Fabrik, her,
dessen Erfindungs-, Zeichen- und Kompositionstalent gleich
groß war. Außerdem sind Brustbilder der Gemahlin
Friedrich Wilhelms I. und der drei ältesten Prinzessinnen:
Wilhemine, Friederike und Ulrike, samt den Porträts ihrer
Hofdamen, in die Täfelung eingelassen, woraus man
schließt, daß dies das Zimmer sei, das, bei den
sich öfters wiederholenden Besuchen Friedrich Wilhelms I. in
Plaue, von diesem mit Vorliebe bewohnt zu werden pflegte. Fest steht
nur, daß Kronprinz Fritz eben hier von seinem Vater zum
Kapitän ernannt wurde. Dies geschah auf der Rückkehr
von einer in Magdeburg abgehaltenen Revue, Donnerstag nach Kantate, wo
der König mit dem Kronprinzen bei Minister von Görne
zu Mittag speiste.
Von dem, was sonst noch an Kunstwerken im Schlosse vorhanden ist, nenne
ich an dieser Stelle nur noch zwei Porträts, in Öl
und in Pastell, des preußischen Ministers von Struensee,
Bruders des unglücklichen Grafen Struensee in Kopenhagen. Das
Pastellbild gilt für wertvoll. Auch von der Gräfin
Aurora von Königsmarck, der der Ahnensaal verschlossen blieb,
sind in den Nebenzimmern zwei Bildnisse vorhanden: eines aus ihrer
Schönheitszeit mit einem Diamanthalbmond auf dem Haupte, das
andere aus ihren alten Tagen als Äbtissin von Quedlinburg.
Zu dieser Bilderausschmückung gesellen sich überall
Bannerträger, Wappen und Inschriften, unter welch letzteren
die mehrfach wiederkehrende Devise »Noblesse
oblige« besonders hervorleuchtet.
Auch eines Söllers oder Balkons sei noch gedacht, von dem es
heißt, daß er, seitens des 1876 verstorbenen Grafen
Hans Karl Albert von Königsmarck, in einer durch den Blick
über die Havel und den Plauenschen See wachgerufenen
Erinnerung an Konstantinopel erbaut worden sei. Wenn dem wirklich so
sein sollte, so wird es freilich auch von dem begeistertsten
Anhänger märkischer Landschaft kaum bestritten werden
können, daß damit ebenso dem Aussichtsbalkone wie
der Havel selbst eine ziemlich schwierige Aufgabe gestellt worden war.
6. Kapitel Schloss Plaue
gegenüber
Eine schwere Aufgabe – so schloß unser voriges
Kapitel – war damit dem Königsmarckschen
Aussichtsbalkone gestellt, denn von der andern Havelseite her blickte,
statt Konstantinopel und des Halbmondes von der Hagia Sophia, nur das
Storchnest einer Ziegelscheune herüber. Demungeachtet war das
Ufer drüben eine »hübsche
Stelle«, der ich es, wenn ich sie so nenne, noch nicht einmal
anrechne, daß just auf ihr die Schanze stand, von der aus
1414 die »große Büchse« des
Burggrafen ihre Steinkugeln gegen Schloß Plaue schleuderte.
Wie wenn es gestern gewesen wäre, steht der Tag vor mir, zu
dem ich »in großer Kumpanei« zum ersten
Male auf diese Schloß Plaue gegenüberliegende
Ziegeleistelle zufuhr. Eine lange Wagenreihe, die Damen in eleganter
Toilette, so kamen wir, um Pfingsten, die staubige Sommerchaussee von
Brandenburg daher, und ehe Mittag heran war, hielten wir –
unmittelbar vor der Plauer Brücke links einbiegend –
auf einem Vorplatz, zu dessen einer Seite sich die vorgenannte
Storchenscheune, zur anderen ein primitives Wohnhaus erhob. In der
Haustür aber stand ein alter Herr, in leichter sommerlicher
Tracht, mit hoher Stirn und hohen weißen
Vatermördern, dazu von breitem Bau und mit noch breiteren
Lippen und begrüßte seine Gäste,
während herzueilende Dienstleute sich der Reisetaschen und
Köfferchen bemächtigten und mit ihnen in einem
unmittelbar angrenzenden, weinumrankten Logierhause verschwanden. Bald
danach schlenderten wir in dem die Villa samt ihren Annexen umgebenden
Parkgarten umher und lugten, von diesem Spaziergange heimkehrend, in
die Fenster eines großen, erst neuerdings angebauten
Gartensaals, wo sich schon die Vorbereitungen zu festlicher Bewirtung
zeigten. Und abermals eine Stunde später und wir
saßen in eben diesem Saale zum Dejeuner nieder, an lang
gedeckter Tafel, an der der alte Herr jetzt präsidierte. Die
Gänge wechselten, die Rheinweine lösten sich
untereinander ab und der silbernen Weinkühler auf dem Tisch
wurden immer mehr. Trinkspruch reihte sich an Trinkspruch. Der Sieg der
Wahrheit, der Sieg »der guten Sache« wurde
proklamiert, alles unter der Fahne »Similia
similibus«, und nachdem schließlich der Kaffee von
allen Seiten her als das Hauptgift der Menschheit festgestellt worden
war, schritt man dazu ihn einzunehmen. Die Stunden enteilten und mit
ihnen zuletzt auch wieder die Gäste. Nur ich und ein Freund,
der mich eingeführt hatte, waren als
›Logierbesuch‹ zurückgeblieben.
Wer aber war der Wirt? Wer der Einsiedler in diesem Sanssouci?